Herta Haller erzählt - 16.02.2006

Anlässlich des 100. Todestages von Johann Haller, der am 16. Februar 1906 im Alter von 62 Jahren verstorben ist, treffen wir die Enkelin Herta Haller in Obsteig in Tirol und feiern gemeinsam eine Gedenkmesse.

Die rüstige 83-jährige Dame erzählt mit Begeisterung von ihrem Großvater: „Wenn Besuch gekommen ist, bin ich gerne dabeigesessen und habe zugehört, was der Vater erzählt hat und hab es mir immer wieder angehört. Besonders über den Spaltensturz wurde oft erzählt und wie der Großvater dann dem Verunglückten zu Hilfe geeilt ist.“ Johann Haller wurde am 10. April 1874 am Middendorf Gletscher auf der Rudolf Insel an einem Seil in die Spalte gelassen, in die der Matrose Zaninovich mitsamt dem Schlitten und den Hunden gestürzt ist. Haller band sich in der Spalte vom Seil aus und ließ den Matrosen und die Hunde nacheinander empor ziehen. Julius Payer schreibt über die gefährliche Situation: „Darauf zogen wir Haller bis zur Tiefe von dreißig Fuß empor, damit er die Taue durchschneiden konnte, welche die Ladung des festgeklemmten Schlittens befestigten. Einzeln schafften wir die Geräthe mit Hilfe Orel´s herauf.“

„Das war hochinteressant für mich, wenn mein Vater das erzählt hat“, berichtet uns Herta Haller. Ihr Großvater sei gleichermaßen „verlässlich aber auch zurückhaltend und wortkarg“ gewesen. Entsprechend „kurz und bündig“ sind dann auch seine beiden Tagebücher, die die einzige noch lebende Enkelin ebenso nicht ohne Stolz besitzt wie den Reisepass, eine Meerschaumpfeife und die acht persönlichen Briefe von Julius Payer. Nur das Lefaucheuxgewehr, das Johann Haller auf der Expedition als Jäger verwendete, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg leider von amerikanischen Soldaten „kaputt gemacht“.

Wollte der Großvater nach seiner Rückkehr eigentlich noch einmal in die Arktis zurückkehren? „Nein. Er wurde ja – wie alle Expeditionsteilnehmer – nach der Rückkehr in den Staatsdienst aufgenommen. In Eis und Schnee erprobt entschied sich der Großvater für die Stelle des Försters hier in Obsteig. Dort ist er sesshaft geworden, hat ein Haus gekauft, unser heutiges Hallerhaus, geheiratet und eine Familie gegründet.“

Julius Payer habe großes Vertrauen in Johann Haller gehabt, denn er habe sich schon bei den gemeinsamen Vermessungsarbeiten in der Ortlergruppe und im Adamello bewährt. „Drum hat sich Payer gedacht, das wäre der richtige Mann“ stellt Herta Haller klar. „So hat´s mein Vater immer erzählt. Payer hat den Großvater in einem der Briefe auch gebeten, er möge einen zweiten Mann auswählen, der genau so ist wie er. Und er soll in Tirol Schuhnägel für die Bergschuhe besorgen, da er diese in Wien nicht bekommen könne.“ Johann Haller habe vor der Entscheidung zur Teilnahme an der Expedition aber auch den Dorflehrer und den Pfarrer befragt, „ob das wohl was richtiges wird“.

„Johann Haller hat also die Verantwortung für die Auswahl des zweiten Bergsteigers getragen. Er schlug Alexander Klotz ebenfalls aus dem Passeiertal vor“ erzählt uns die Urenkelin Regina Vanicek-Haller. „Ob Johann Haller nach der Rückkehr mit ihm noch Kontakt gehabt hat, wissen wir nicht.“

Und auch die beiden bald volljährigen, sportlichen Ururenkel Thomas und Stefan begeistern sich für die Abenteuer ihres großen Vorfahren: „Bis vor fünf oder sechs Jahren war es uns gar nicht so bewusst. Dann haben wir das Buch entdeckt und gefragt, was das ist. Die Mutter hat es uns dann erklärt.“ Und jetzt finden die beiden Zwillinge es „groß, was der Ururgroßvater da am Nordpol geleistet hat. Wär schon cool, das alles auch einmal selbst zu sehen.“

Von seiner großen Expeditionsfahrt scheint Haller in den dreißig Jahren, die er bis zu seinem Tod am 16. Februar 1906 in Obsteig verbrachte, kein besonderes Aufheben gemacht zu haben. Lediglich sein Grabstein auf dem Friedhof des Tiroler Dorfes deutet auf das große Abenteuer seines Lebens hin: Unter seinem Namen prangt die Zeile „Nordpolfahrer 1872-1874“.

Zum Gedenken an den großen Gemeindebürger hat Johann Faimann eine Nach(t)wanderung in Obsteig organisiert. Auf einem flachen Feld hat man mit einer Schneefräse den Grundriss der Tegetthoff aus dem gut einen halben Meter tiefen Schnee gefräst und mit Fackeln begrenzt. Ein eindrückliches Erlebnis, quasi „an Bord“ gehen zu können. Unglaublich! Auf so kleinem Raum musste die Mannschaft über zwei Jahre überleben. Eine stimmungsvolle Lesung aus der spannenden Expeditionsgeschichte beendet einen schönen Abend in der Gemeinde Obsteig, in der man sich an den „Nordpolfahrer Haller“ erinnert.

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